Im Tabubezirk. Wenn Kunst den Zensor auf den Plan ruft (2009)

KUNSTZEITUNG 153 / Mai 2009 (gemeinsam mit Gabriele Honnef-Harling)

Der Sexualtrieb sei die Triebfeder der Kunst, behauptete der Sammler Eduard Fuchs und illustrierte seine Ansicht in einer dreibändigen „Geschichte der erotischen Kunst“ (1908/23) mit einer schier erdrückenden Fülle von Beispielen. Und in der Tat übertrifft, was den Künstlern der Vergangenheit an erotisch-sexueller Feizügigkeit einfiel, die mechanischen Darstellungen kommerzieller Pornografie im Zeitalter der Massenmedien beträchtlich. Nichts ist den Malern, Bildhauern und Graveuren fremd gewesen.

Dass solche Ausgeburten der erotischen Phantasie häufig, wenn auch nicht zwangsläufig, den Zensor auf den Plan riefen, sobald sie, meist im Medium der Grafik, öffentlich wurden, versteht sich. Die Vernichtungsaktionen von Kunstwerken solcher Beschaffenheit auf Geheiß aufrechter Männer (und seltener Frauen) sind Legion. Auch vor berühmten Künstlernamen machte der Furor der zur Schau getragenen Entrüstung im Interesse einer höheren Moral nicht Halt.

Noch vor fünfzig Jahren schritt im Westen des geteilten Deutschlands regelmäßig der Staatsanwalt ein, wenn in einer Kunstausstellung etwas sichtbar wurde, das man im Deutschen mit gewohntem Sinn für Feingefühl „Geschlechtswerkzeug“ nannte, vom Zeigen offenkundig sexueller Handlungen ganz zu schweigen. Einen Sekundenbruchteile währenden Blick auf den nackten Busen von Martine Carol im französischen Film war das Äußerste, das die „Freiwillige Selbstkontrolle“ der Kinowirtschaft erlaubte – selbstverständlich erst ab 18 Jahren.

Gemessen daran, herrschen in der westlichen Hemisphäre der Welt am Beginn des 21. Jahrhunderts geradezu libertinäre Verhältnisse. Mit Ausnahme der USA unter dem bigotten Regime des zweiten Bush, wo die Förderung einer repräsentativen Ausstellung der fotografischen Bilder von Robert Mapplethorpe vor einigen Jahren das „National Endowment for the Arts“, eine der raren staatlichen Institutionen zur finanziellen Unterstützung der Kunst, beinahe die Existenz gekostet hätte. Auch der Fotograf Jock Sturges sieht sich – nicht allein jenseits des Atlantiks – mannigfachen Anfeindungen ausgesetzt, weil er vornehmlich weibliche Heranwachsende unbekleidet ablichtet. Mit sichtbarem Einverständnis der Modelle, wohlgemerkt. Dennoch werfen selbsternannte Moralhüter ihn gerne mit den sinistren Herstellern, Händlern und Konsumenten von Kinderpornografie in einen Topf.
In Europa lässt es die Gesetzeshüter gewöhnlich kalt, wenn Künstlerinnen und Künstler im Detail demonstrieren, was sonst unter der Bettdecke bleibt. Problemlos zeigen deutsche Kunstinstitutionen die indiskreten Werke der Fotografen Nobuyoshi Araki oder Terry Richardson. Zumal letzterer lässt anders als der einst von Feministinnen angefeindete Helmut Newton wenig aus, was sich menschliche Phantasie auszumalen vermag. Ohne Umschweife bekannte der Direktor des Museums Kunstpalastes in Düsseldorf, Beat Wismer, laut „stern.de“, dass er die Ausstellung „Diana und Actaeon – Der verbotene Blick auf die Nacktheit“ nicht zuletzt mit Blick auf die Publikumsresonanz veranstaltet habe. Natürlich in kritischer Distanz zum Motto „Sex sells“. Publikumswirksam wies das Museum darauf hin, dass einige der Werke womöglich Anstoß erregen könnten. Und das Publikum dankte es ihm mit langen Schlangen. Die Kunsthalle Wien feierte sogar eine „Porn Identity“.

Nur auf der FIAC 2008 in Paris griff die Polizei einmal wirklich zu und beschlagnahmte auf dem Stand der Moskauer Galerie XL Fotografien des russischen Künstlers Oleg Kulik. Die Bilder sind während einer Performance aufgenommen worden und zeigen Kulik nackt – mit Tieren! Kinder und – bezeichnenderweise – Tiere scheinen, wenn sie als Objekte sexueller oder erotischer Darstellungen aufgeboten werden, in der westlichen Hemisphäre noch einen Tabubezirk zu umreißen, den zu überschreiten die Justiz herausfordert.

Was für die Kunst gilt, trifft für die Massenmedien nicht unbedingt zu, jedenfalls nicht für die offen gehandelten. Acht Seiten der verwischten Porno-Szenen von Thomas Ruff aus dem Netz, die in jeder Kunstausstellung zum Thema Erotik unvermeidlich sind und kaum mehr Aufmerksamkeit erzielen, musste das deutsche Männer-Magazin „GQ“ in seiner Septemberausgabe 2002 auf Druck der Großhändler schwärzen, die sich im vorauseilenden Gehorsam übten. Das Buch im Schirmer-Mosel-Verlag mit allen einschlägigen Bildern hingegen war und ist in jeder „guten Buchhandlung“ zu erwerben.

Obwohl im Fernsehen wieder BH und Slip angesagt sind, wenn die Akteure Liebe vor der Kamera markieren, die jungen Frauen trotz offenherzigster sommerlicher Kleidung prüder sind als ihre Eltern, und obwohl die Gegenwartskunst statt sinnlich sprühend und verführerisch eher spröde, zerebral oder belanglos ausfällt – belastbare Indizien für eine Wende in punkto sexueller Freizügigkeit gibt es nicht. Vielmehr erfährt die These Michel Foucaults ihre empirische Bestätigung, dass eine Gesellschaft der Sphäre des Erotischen und Sexuellen umso entfremdeter ist, je ausgiebiger sie sich in Bildern und Reden darüber verbreitet.