Bloß nichts Buntes! (2005)

KUNSTZEITUNG, Nr. 101/Januar 2005

Schwarze Fahnen über der Ruhr – Alarmzeichen für Politiker aller Couleur, als Kohle und Stahl noch Stoff und Träger des wirtschaftlichen Wohlergehens waren. Schwarze Fahnen signalisierten Anarchie. Meine früheste Erinnerung an die Farbe. Andererseits steht Schwarz für konservativ im politischen Spektrum, mit klerikalem Bodensatz freilich. Denn einst trugen die Kirchenherren Schwarz, bevor sie, wenigstens im katholischen Beritt, die Leiter der Hierarchie aufstiegen. Schwarz war die Farbe des spanischen Hofes. Schwarz ist eine Modefarbe zeitgenössischer Konsumkultur. Und Schwarz kündet von Trauer. Doch in Schwarz verbreiteten auch Faschisten und die SS namenlosen Schrecken.

Seit ich Ende der 1950ger Jahre zum ersten Mal Paris besucht habe, ist Schwarz trotz allem die bevorzugte Farbe meiner Kleidung. Die letzten Hinterbliebenen des Existentialismus in den Jazzkellern des Quartier Latin gefielen sich und mir in schwarzem Outfit und Gemüt. Sie träumten von Juliette Greco in zu engen Pullovern und zitierten Sartre oder Camus. Die verrauchte Atmosphäre und klagenden Töne der kühlen Musik zogen mich unwiderstehlich an. In den nachtschwarzen Bildern und Plots des „Film Noir“ Hollywoods fand ich die gleiche Stimmung. Schwarz kleidet ungemein. Schwarz gewandet waren einst die männlichen Repräsentanten der bürgerlichen Gesellschaft – und sind nach wie vor die Kellner in den Pariser Bistros. In der westlichen Hemisphäre besitzt die Farbe eine Fülle widersprüchlicher Bedeutungen.

Schwarz ist keine Farbe, hieß es einmal in Kreisen der Kunstkritik. Von Nichtfarbe war die Rede - wie beim Gegenpol Weiß. Schwarz ist eine Farbe, behauptete hingegen der Farbmaler Henri Matisse. Sein Gemälde „Porte-fenetre à Collioure“ (1914) mit dem Blick in eine rabenschwarze Nacht, flankiert vom blau-grau-violetten Fensterglas und Vorhang in Ocker sowie grüner Wand, gehört zu meinen Lieblingsbildern. Als habe der Künstler in die dunkle Zukunft Europas geschaut. Von Beginn der frühen Neuzeit hat Schwarz in der Kunst der westlichen Welt Tradition. Häufig lieferte es den Hintergrund für die eindrucksvollen Porträts derjenigen, die das Recht auf ihr Abbild besaßen. Nicht minder häufig ist es auch die Farbe ihres Gewandes. Die ganz Großen unter den Malern von Hals bis Goya, von Rembrandt bis Velasquez malten Fond und Motiv Schwarz auf Schwarz und dennoch unterschiedlich. So führten sie dank brillanter Technik ihre Meisterschaft vor und warben um Kunden.

Wer Augen hat zu sehen, erkennt schnell, dass Schwarz in der Kunst selten oder nie schwarz ist, vielmehr eine Farbe von Nuancen ohne Zahl. Allein schon die Darstellung der Kleidung: samtschwarz, schwarzer Satin, schwarze Seide, schwarzer Tüll, das schwarze Pelzchen kein Material wie das andere, und die Übergänge... unwillkürlich zuckt es in den Fingern, und ich möchte sanft darüber streichen. Große Malerei appellierte nicht nur an den Seh-, sondern auch an den Tastsinn. Sie orchestriert die materielle Substanz der Farbe. Im Spiegel der sichernden Glasscheiben in den Museen geht diese Qualität verloren. Max Raphael, der seine Theorien über die Kunst aus der Anschauung entwickelt hat und leider (deshalb?) an die Peripherie des ästhetischen Diskurses gerückt ist, hat der Farbe Schwarz funkelnde Studien gewidmet. Angesichts des Porträts eines spanischen Edelmannes – „Tiburio Perez y Cuerro“ (1820) - aus der Hand Goyas notierte er: „Man könnte vielleicht sagen, dass das Schwarz der Kleidung die Farbe der gelebten Erfahrung ist, das Schwarz des Hintergrundes dagegen die Farbe der noch ungelebten, unbekannten, also auch unbezwungenen Erfahrung.“

In der Kunst der kompromisslosen Avantgarde ist Schwarz (neben Weiß) die Farbe schlechthin. Vom schwarzem Quadrat auf weißem Grund Kasimir Malewitchs über Robert Motherwells spanische Bilder, Mark Rothkos mystischer Kapelle in Houston/Texas, Francis Bacons „letzten Triptychen“ bis zu den „letzten Bildern“ Ad Reinhardts, den schwarzen Gemälden Frank Stellas, Richard Serras düsteren Riesenzeichnungen und Arnulf Rainers Übermalungen. Von Robert Häussers schwarzen Fotografien ganz zu schweigen. Es ist gleichwohl ein anderes Schwarz, das zu uns spricht, als in den Gemälden der Spanier und Holländer sowie ihres künstlerischen Erben Edouard Manet. Die vibrierende Sinnlichkeit fehlt. Eine metaphysische Dimension ist an ihre Stelle getreten. Die Bilder der Kunst haben sich in Gegenstände der Kontemplation verwandelt. Körperlose Körper.

Das schwarze Quadrat von Malevitch schlägt die Brücke zum Reich der Ikonen. Wenn ich mich nicht täusche, ist die Farbe seiner drei Versionen stumpf, ohne Tiefe. Sie schwingt nicht. Man blickt in ein schwarzes Loch quadratischen Formats. Schwarz ist in der Moderne eine düstere Farbe geworden, durchtränkt von Schwermut und Hoffnungslosigkeit. Eine illusionslose Farbe. Mit dem „illusionistischen“ Bild der vor-modernen Malerei scheint auch der Kunst die Freude am Diesseits verloren gegangen zu sein. Erfahrung, die nicht mehr gelebt wird?