Publizist    Kurator    Professor für Theorie der Fotografie 

Kommentare 

 
#1 Klaus Honnef 2011-11-22 08:49
Aus Honnefs spitzem Winkel

Was treibt die Kunst an?
Wer entscheidet, was Kunst ist, was nicht?
Verliert sich die Kunst an die Spaßgesellschaf t?
Gibt es noch Maßstäbe für Kunst?
Braucht die Kunst ihre Geschichte noch?

Lauter Fragen, die ich in meinem blog aufwerfen und beleuchten will. Kommentare, Ergänzungen und Kritik sind erwünscht, werden bestenfalls berücksichtigt, aber nur äußerst selten beantwortet.
Zitieren
 
 
#2 Klaus Honnef 2011-11-29 08:41
Was die Essenz eines Kunstwerks ausmacht, lässt sich in der dritten Interpretation der eigenen Sammlung in der Neuen Nationalgalerie Berlins besichtigen: Ästhetische Souveränit. Dass ein Gemälde von Picasso den Nachbarn, ein Gemälde von Harald Metzkes, förmlich von der Wand fegt und dass eine Liegende von Henry Moore eine Sitzende von Fritz Cremer geradezu aussticht. Im Vergleich wirken die Werke der deutschen Künstler kleinmütig und zugleich weitschweifig. Sie wollen etwas Bedeutendes darstellen statt es zu vergegenwärtige n. Genauigkeit ist die ästhetische Forderung. Daran mangelt es auch den meisten Erzeugnissen der gegenwärtigen Mainstream-Kunst.
Zitieren
 
 
#3 Klaus Honnef 2011-12-05 15:18
Ich klage (zum wiederholten Male) das deutschsprachig e "Kultur"-Fernsehen der bewussten Verwüstung von gemalten Kunstwerken an. Jüngstes Beispiel lieferte die Sendung "Capriccio" des Bayerischen Fernsehens am 1. Dezember mit einem Bericht über den Renaissance-Maler Perugino in der Münchner Alten Pinakothek. Eine schwankende Kamera torkelte über die Leinwände, liess den Betrachtern kaum einen Moment der Ruhe, und richtete einen grauenhaften Bildsalat an.
Obendrein wählte sie bisweilen prätentiöse Blicke aus der Distanz, die an die vernebelten Blicke nach reichlich Alkoholgenuss erinnerten. Gegenüber der Konkurrenz von so genannten statischen Bildern erweist sich das Fernsehen immer häufiger als moderner Ikonoklast. Die wahrscheinliche Ursache: Während die Bilder Peruginos (und der Kunst) im Gedächtnis haften sollen, betreibt das Fernsehen das Geschäft des schnellen Vergessens. Das Vergessen schafft Platz für neue sinnlose Bilder. The Show must go on. Egal, in welche Richtung. Perugino & Co bewahren Gedächtnis. Das Fernsehen löscht sie aus.
Zitieren
 
 
#4 Klaus Honnef 2011-12-08 08:34
Je mehr Bilder produziert werden, desto ähnlicher fallen sie aus. Die Bilder in den Nachrichten-Sendungen des Fernsehens reduzieren sich auf wenige immer wiederholte Stereotypen. Die formalen Schemata bleiben, lediglich die Personen und Ereignisse, die sie fassen, verändern sich. In der Mainstream-Kunst haben die erfolgreichen Künstler Markenzeichen entwickelt, die sie kaum noch variieren. Deshalb betrifft das Wort von der Bilderflut nur das immense Quantum.
Zitieren
 
 
#5 Klaus Honnef 2011-12-08 08:42
So breitet sich in der Bilderwelt Langeweile aus, und die Forderung nach "neuen" Bildern wird notwendig. Die Kunstszene in den USA entdeckt derzeit die Kunst der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts und stellt erstaunt fest, dass sie einen ungeborgenen Schatz ästhetischer Impulse birgt und nicht hauptsächlich durch Rekordpreise von sich reden machte. Einerseits kennzeichneten sie bildasketische und medienkritische Interventionen, andererseits brachten sie neue Bilder hervor.
Zitieren
 
 
#6 Klaus Honnef 2011-12-08 08:56
Ob sie Inspirationen für die öde Bilderwelt der Jetztzeit liefert, werden die nächsten Jahre zeigen. Jedenfalls hat der technische Fortschritt in Bezug auf die Bildproduktion nur wenig ästhetische Erneuerung gebracht. Das Gegenteil ist eher der Fall. Momentan scheint nur das Fernsehen, in seiner Existenz wachsend vom Internet bedroht, die Kraft zu haben, die vertrauten Wege zu verlassen. Brillante Serien erproben neue und überraschende Erzählformen, in Szene gesetzt häufig in ungewohnten Bildern.
Dagegen verliert sich zumindest das Mainstream-Kino in den perfekten Illusionismus der Gaukelei und wird seinem oft zitierten Ruf als Farbrikant des puren Scheins gerecht. Dass die Horrorfiguren des Kinos im Vergleich zu den mittelalterlich en Monstern an den Kirchen und Kathedralen harmlos und lächerlich wirken, bezeugt nachdrücklich, dass sie nur amüsieren und über die Unbestimmtheite n des Lebens mit Surrogaten hinweg täuschen wollen. Am Ende ist ohnehin alles gut.
Zitieren
 
 
#7 Klaus Honnef 2011-12-08 15:13
Wer Anstöße von der Gegenwartskunst erwartet, sieht sich meist ebenfalls enttäuscht. Hier regiert Phantasielosigk eit und Mangel an Souveränität das Feld. Die Ursachen sind vielfältig: die eindimensionale Ausbildung der Künstler, die weder Geschichte noch Kontext berücksichtigt; die geringe Unterstützung der öffentlichen Institutionen, die sich entweder auf Blockbuster, Konformität oder Privatästhetik kapriziert haben, und der kommerzielle Galeriebetrieb. Die interessanten Beiträge stammen noch von Künstlerinnen und Künstlern aus Ländern und Kulturen, in denen Kunst bisher alles andere als frei war oder ist. Die Westkunst dagegen verliert sich in Dekadenz. Und Dekadenz äußert sich unweigerlich im Verfall ästhetischer und ethischer Maßstäbe.
Zitieren
 
 
#8 Klaus Honnef 2011-12-15 14:44
Im Zeichen des vorherrschenden Konformismus in ästhetischen Dingen hilft nur der Blick in die ungewisse Zukunft. Deshalb fahnden die Experten verzweifelt nach "emerging artists", die den künstlerischen Mehltau weg blasen könnten. Einer solchen Aufgabe hat sich kürzlich ein "Advisory Board" von Auguren im Auftrag des Düsseldorfer NRW-Forum unterzogen. Einen Vorgeschmack ihrer Prophezeiungen liefert ein dicker Packen großformatiger Bildpostkarten mit Motiven, die sich im Hinblick auf ihre visuelle Originalität so wenig unterscheiden wie das Gemüse nach der Norm Brüsseler Bürokraten. Die individuelle Wahrnehmung der meisten Zukunftskünstle r scheint sich auf die Reproduktion gängiger Muster der Galeriekunst zu beschränken. "State of The Art Photography" (ab 3. Februar): Keine Experimente.
Zitieren
 
 
#9 Klaus Honnef 2011-12-18 09:18
Kunst werde mehr und mehr als Unterhaltung begriffen, und Leonardo sei inzwischen ein Pop Star, erklärte eine Besucherin den Massenerfolg der einzigartigen Schau des Renaissance-Künstlers in London. Dabei malträtiert kein Musikinstrument und heult auch kein Liebeslied mit nasaler Stimme in den Äther. So etwas wie diese Ausstellung bekäme man nur einmal im Leben zu sehen, begründet ein junger Aspirant stundenlanges Warten. Hätte nicht ein dritter Besucher gesagt, die Anwesenheit beider Versionen der "Madonna in der Felsengrotte" sei für ihn ein unvergessliches Erlebnis - man hätte nichts Kompetentes aus dem Bericht der Sendung im "Kulturplatz" des Schweizerischen Fernsehens erfahren. So ist eben Kulturfernsehen - ex und hopp. Der Blockbuster als solcher ist Wert genug.
Zitieren
 
 
#10 Klaus Honnef 2011-12-29 16:44
Jetzt auch noch die Satire. Wenn Satire Kunst wird, überschreibt "ARTnews" (Dezember 2011) einen Artikel, der eine Ausstellung im New Yorker Metropolitan Museum beleuchtet. Nach Film, Fotografie, Comic, Mode entert nun auch der Satire Cartoon das längst havarierte Schiff der Kunst. Was im alten Europa Spezialmuseen noch sorgfältig auseinander halten, vermengen die amerikanischen und schlagen immer wieder frische Funken aus der immer noch wachsenden "Verfransung" (Adorno) der Kunst. Seit sich auch Knödeltenöre, Heimatbarden und näselnde Liebeswisperer Künstler nennen, ist der Begriff wohlfeil. Alles ist Kunst. Mit der Konsequenz, dass nichts Kunst ist. Was eine gewisse Zeit als Kunst durchging, ist eigentlich Galerien- oder Marktkunst, schon aus Mangel an anderen Kriterien. Dass wenigstens Museumskunst, wenn sie mit souveräner Hand und kenntnisreichem Blick präsentiert wird, fähig ist, das Verhältnis der Menschen zur eigenen Lebenswelt mit bezwingender Intensität anschaulich zu vergegenwärtige n, zeigt gegenwärtig Kasper Königs meisterhafte Ausstellung "Vor dem Gesetz" im Kölner Museum Ludwig. Auf einmal überschreiten Kunstwerke die Fesseln des ausgehöhlten Kunstbegriffs, weil jemand sie, ohne die Werke als Illustration einer These zu missbrauchen, in wechselnder Korrespondenz miteinander und pointiertem Bezug zur sichtbaren Realität (die Blicke aus den Fenstern sind Bestandteil der Inszenierung) zum Sprechen bringt. Keine Konsumausstellu ng mit ausschweifenden Erklärungen, vielmehr eine Ausstellung zum Mitdenken und Selbsterfahren. Zeit nehmen. Meine "Ausstellung des Jahres 2011".
Zitieren
 

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Code wiederholen (Pflichtfeld)